Vier Ohren für Ayşegül und Roudi - zwei gehörlose Berufsschüler*innen berichten
Inklusion ist ein großes Wort. Es bedeutet, „anders zu sein“, aber dennoch dazuzugehören. Ayşegül und Roudi sieht man ihr Anderssein nicht an. Roudi Ahmad hat Humor und lacht gerne. Ayşegül Akgüns Gedanken sind fein, ihre Sprache genau. Wenn die beiden sprechen, haben sie etwas zu sagen. Nur wie sie es sagen, klingt etwas verwaschen. Nur ein kleines bisschen. Denn sie können schlecht hören. Roudis Ohren übermitteln nur 40 Prozent, Ayşegül ist taub. „Gehörlos finde ich nicht gut“, sagt die 19-Jährige. „Das klingt nach Defizit.“ Ein Mangelmensch ist sie ganz bestimmt nicht. Sie und Roudi brauchen nur etwas Hilfe, um ihren Abschluss an der Ev. Berufsschule für Pflege machen zu können.
Von Ohr zu Hand übersetzt
Der Unterricht wird für die beiden nicht speziell angepasst. Das bedeutet, dass es für alle, die mit einer Einschränkung leben, viel anstrengender ist, ihm zu folgen. Sie müssen sich stärker konzentrieren, um das Wichtigste mitzubekommen. Um den Stress etwas zu mildern und das mangelnde Gehör auszugleichen, sitzen Dolmetscherinnen mit im Unterricht. Sie übersetzen das Gehörte in Deutsche Gebärdensprache (DGS). „Das ist eine eigene Sprache“, sagt Carmen Schwarz. Sie gehört zu einem Team von acht DGS-Dolmetscherinnen, die Ayşegül und Roudi durchs Schuljahr begleiten. Zudem wiederholen oder vereinfachen die Lehrer*innen auf Bitten von der Beiden gern komplizierte Sätze. Ihre beruflichen Perspektiven sind gut: Beide haben einen Ausbildungsplatz mit Übernahmegarantie: das Altenheim für Gehörlose in Volksdorf. Dort wird DGS gesprochen und die beiden Muttersprachler*innen werden schon jetzt dringend gebraucht.
Freie Sicht muss sein
„Bitte leise sein, damit wir etwas verstehen können.“ Diesen Satz hat Ayşegül im Unterricht wahrscheinlich bisher am häufigsten gesagt. Die Hamburgerin kann Lippen lesen, aber nicht die vieler Menschen gleichzeitig. Wenn alle durcheinander sprechen, haben die Dolmetscherinnen alle Hände voll zu tun. „Unser Auftrag ist es, alles zu übersetzen“, erklärt Nicole Ostrycharchyk. Sie ist heute die zweite Dolmetscherin. Das Gesagte kann sie nur zeitlich verzögert wiedergeben. Der Vorteil von DGS ist, dass Gebärden schneller ausgeführt sind als viele Sätze gesprochen werden können. Wäre da nur nicht die Pflegefachsprache. Und morgen ist Prüfung. „Den Dekubitus habe ich dafür gelernt“, sagt Roudi, „und die Prophylaxe“. Dem gebürtigen Syrer geht das glatt von den Lippen. Seine Chancen stehen gut. Ayşegül hat die guten Noten schon schwarz auf weiß.
„Vielfalt tut uns auf vielfältige Weise gut“, sagt Schulleiter Carsten Mai, der die beiden ganz bewusst und gerne aufgenommen hat. „Wir können nicht früh genug unterschiedliche Perspektiven erleben. Dann wissen wir, wie wir miteinander umgehen können, zum Beispiel am Arbeitsplatz. Und dabei Spaß haben.“
Roudi (l.) und Ayşegül vor der Pflegeschule (Text & Foto: Christiane Zwick)