„Kommt lieber rechtzeitig, bevor die Hütte brennt“
Wenn Marie Schickentanz morgens gemeinsam mit den Schüler*innen die Treppe hinaufgeht, denkt sie manchmal: „Ich könnte eine von euch sein.“ Das Gefühl von Nähe war sofort da. Die 29-Jährige arbeitet seit dem 1. April als Schulsozialarbeiterin an der Evangelischen Berufsschule für Pflege, mit einer Wochenarbeitszeit von 30 Stunden. Sie ist jeden Tag vor Ort und ansprechbar. Rund 50 Schüler*innen haben sich bereits unterstützen lassen.
Ihre Anliegen sind unterschiedlich: Eine Schülerin hat nach ihrer ersten Klausur das Gefühl, dass sie es nicht schaffen wird. Sie hat Prüfungsangst und zweifelt an sich selbst. Ein anderer sucht dringend eine eigene Wohnung, weil es zu Hause Konflikte gibt. Schickentanz hört zu, ermutigt, fragt nach: „Hast du schon einen Wohnberechtigungsschein für eine geförderte Wohnung?“ und gibt Tipps, zum Beispiel für die Suche nach einem Wohnheimplatz.
Mehr Zeit und Unterstützung für Schüler*innen
Die Stelle der Schulsozialarbeiterin ist neu. Die Bilanz des Schulleiters Carsten Mai nach dem ersten halben Jahr: „Ein riesiges Plus für uns!“ Denn die Lehrkräfte werden entlastet und die Betreuung der Auszubildenden hat sich deutlich verbessert. Nach wie vor wenden sich viele Azubis mit Problemen an ihre Lehrer*innen. Doch deren Zeit ist begrenzt. Hier kommt Marie Schickentanz ins Spiel. Sie wird von den Lehrkräften empfohlen, stellt sich aber auch selbst in den Klassen vor. Ihr Steckbrief klebt überall auf dem Flur. Schüler*innen, die direkt zu ihr kommen, finden es gut, mit jemandem zu sprechen, der ihre Leistungen nicht bewertet. Sie schätzen es, dass das, was sie sagen, vertraulich behandelt wird.
Große Sorgen und kleinere Fragen
Gefragt ist immer wieder Unterstützung bei der Anerkennung ausländischer Zeugnisse oder beim Umgang mit Behörden. Marie Schickentanz versteht sich dabei auch als Lotsin: Sie muss nicht jedes Problem selbst lösen, sondern kennt die Stellen in Hamburg, die weiterhelfen können, oder recherchiert sie.
Besonders belastend kann es sein, wenn der Aufenthaltsstatus mit der Ausbildung zusammenhängt. Einen Azubi, der aus Afghanistan nach Hamburg kam, unterstützt Schickentanz derzeit dabei, in der Schule am Ball zu bleiben. Er suchte Nachhilfe, weil er nichts verpassen wollte. Für ihn steht viel auf dem Spiel: Eine erfolgreiche Ausbildung und ein anschließender Arbeitsplatz sind für seine Aufenthaltsperspektive entscheidend.
Er hat sich früh Hilfe geholt. Und genau das wünscht sich Marie Schickentanz. „Kommt rechtzeitig und nicht erst, wenn die Hütte brennt. Wir schaffen das zusammen.“, sagt sie den Schüler*innen, und betont: „Keine Frage ist zu klein.“
Schulsozialarbeiterin Marie Schickentanz hat immer ein offenes Ohr für die Berufsschüler*innen (Foto & Text: Christiane Zwick)