"Die Bezahlung ist nicht der Hauptgrund, diesen Beruf zu ergreifen."
Herr Mai, was bedeutet eigentlich der aktuelle Fachkräftemangel für die Schüler*innen der Ev. Berufsschule für Pflege?
Wer heute eine Ausbildung in der Pflege beginnt, hat eine 100-prozentige Chance auf einen sicheren Arbeitsplatz. Und das wird auch so bleiben.
Eine lebenslange Arbeitsplatzgarantie ist eine gute Nachricht. Auch der gute Verdienst könnte ein Grund sein, einen Pflegeberuf zu lernen…
Über den Verdienst machen sich, glaube ich, nur wenige unserer Schüler*innen Gedanken. Die Bezahlung ist nicht der Hauptgrund, diesen Beruf zu ergreifen.
Auf jeden Fall hat sich in den vergangenen fünf Jahren bei den Löhnen einiges getan. Wo liegen die Einstiegsgehälter 2026?
Eine examinierte Pflegefachkraft verdient in Hamburg als Tariflohn etwa 3.500 bis 3.800 Euro. Dazu kommen Zulagen von 200 bis 600 Euro, etwa für Nacht- und Wochenenddienste oder Wechselschichten. Im Jahr 2020 lag das Grundgehalt noch bei 2.900 bis 3.500 Euro brutto.
Ein deutlicher Anstieg. Gibt es in Bezug auf das Gehalt Unterschiede zwischen privaten und öffentlichen Arbeitgebern?
Die privaten Arbeitgeber orientieren sich an den Tariflöhnen. Dumpinglöhne - das geht heutzutage nicht mehr.
Können oder sollten Stellenbewerber*innen beim Lohn verhandeln?
Nein, das brauchen sie nicht. Der Lohn wurde bereits von der Gewerkschaft ver.di und den Arbeitgebern ausgehandelt. Gerade gab es wieder ein Plus von 2,8 Prozent. Die Tarife sind vorgegeben und transparent. Was aber möglich ist: Gleich Fortbildungen zu vereinbaren.
Was bietet sich da an?
Zum Beispiel Spezialisierungen, wie zur Wundexpert*in, oder eine Weiterbildung zur Praxisanleiter*in. Die machen viele unserer ehemaligen Schüler*innen. Das sind 300 Stunden neben der Arbeit, in einem Jahr ist man fertig. Danach leitet man bereits die nächsten Auszubildenden an - und verdient wieder etwas mehr!
Die Mehrzahl der angebotenen Stellen, 63 Prozent, können in Vollzeit oder Teilzeit ausgeübt werden. Nur 20 Prozent wurden explizit als Vollzeitstellen ausgeschrieben und 15 Prozent in Teilzeit. Die Wahlfreiheit überrascht…
Das liegt daran, dass viele Frauen in der Pflege arbeiten und dies durchgesetzt haben. Heute ist die Pflege einer der Berufe, die sich mit Familie gut vereinbaren lassen.
Wir haben noch nicht über Zeitarbeitsfirmen gesprochen. Laut Bundesagentur für Arbeit lassen sich etwa zwei Prozent der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Pflegekräfte dort anstellen. Oft lockt eine etwas bessere Bezahlung. Was spricht dafür, dort anzufangen? Und was spricht dagegen?
Manche arbeiten ein halbes oder ein Jahr in der Zeitarbeit, um verschiedene Einrichtungen kennenzulernen. Für eine feste Anstellung spricht, dass man Teil eines Teams wird. Das Vertrauen untereinander wächst, und das gilt auch für die pflegebedürftigen Menschen, die man begleitet.
Worauf sollten Schulabgänger*innen noch achten, bevor sie den Arbeitsvertrag unterschreiben? Auf Personalschlüssel, Dienstpläne, Einspring-Regeln?
Das vielleicht auch. Vor allem aber sollten Sie den Arbeitsvertrag lesen!