"Als Arbeitsplatz meine erste Wahl"
Den Anruf machte er „aus einer Laune“ heraus. Jens Köpcke hatte die Ev. Berufsschule für Pflege bereits während des Studiums im Blick: die Website, die News, die offene Stellenanzeige. Irgendwann rief er einfach bei Schulleiter Carsten Mai an. Ohne, dass er den Master als Berufspädagoge Pflege bereits in der Tasche hatte. Carsten Mai fragte gleich: „Warum haben Sie sich denn noch nicht beworben?" Köpcke bewarb sich daraufhin, ganz klassisch, schriftlich. Und wurde sofort eingeladen. Sein ungerader Berufsweg war kein Hindernis.
Als Quereinsteiger willkommen
Dem Bewerber, der ursprünglich als Fachkrankenpfleger im Operationsdienst tätig war, wurde auch ein Wunsch erfüllt. Jens Köpcke durfte drei Tage lang hospitieren. Er wollte sehen, wie die Lehrkräfte miteinander umgehen. Und mit den Schüler*innen. „Ich wollte sehen, ob der Spirit stimmt“, sagt er. Der Noch-Student durfte im Unterricht sitzen und im Lehrerzimmer Pause machen. Umgekehrt konnten sich die Lehrenden auch ein Bild von ihm machen. „Die Leute waren respektvoll und herzlich. Und sie haben miteinander gelacht.“ Das war für den gebürtigen Rostocker entscheidend. Er unterschrieb gleich nach seinem Studienabschluss den Arbeitsvertrag. Hätte er eine erdrückende Arbeitsbelastung wahrgenommen, hätte er sich weiter umgesehen.
Auf Seiten der Schüler*innen
„Das Interesse an den Azubis ist hier groß“, weiß der Junglehrer, der inzwischen seit einem Jahr unterrichtet. Er hat den Vergleich. Als er im Praktikum an einer anderen Pflegeschule Partei für eine Auszubildende ergriff, war er nicht gehört worden. Eine Schülerin hatte in drei schriftlichen Arbeiten schlecht abgeschnitten, aufgrund einer ausgeprägten Lese-Rechtschreibschwäche. Auf Köpckes Nachfrage, ob das allen im Kollegium bekannt sei, erntete er Achselzucken und Spott: Da käme „wieder der edle Ritter“. Diese Rolle will der 40-Jährige nicht spielen. Ebenso wenig liegt ihm Dienst nach Vorschrift. „Ich möchte keine Azubis verwalten", sagt Köpcke. „Ich bin an ihren Lebensläufen interessiert, an dem, was sie mitbringen."
Engagiert und „ein bisschen verrückt"
Der Quereinsteiger ist im Unterricht laut seinen Schüler*innen „humorvoll und ein bisschen verrückt“. Dem Mann mit dem Fünf-Tage-Bart ist ein Kindheitstraum in Erfüllung gegangen: Lehrer sein. Das ist er jetzt von ganzem Herzen. Den unterschiedlichen Deutschkenntnissen, Bildungsbiografien und Lerntempi in seiner Klasse begegnet er kreativ. Für den Lernerfolg gibt er alles: „Ich fasse mir an die Brust und an den Kopf, um einen Angina-Pectoris-Anfall vor Augen zu führen. Und das auch fünf Mal.“ Bis seine Schüler*innen die Symptome von selbst erkennen. Denn: „Ständiges Wiederholen wirkt dem Vergessen entgegen!“ Die Schüler*innen müssen grinsen, wenn sie dieses Mantra hören, einige sprechen den Satz mit. Vor dem Whiteboard steht ein Original, ein Mensch mit Haltung.
Wenn am Ende der Schulzeit jemand selbstbewusst vor der Klasse spricht, der am Anfang kaum ein Wort herausgebracht hat, freut sich Köpcke. „Ich möchte Steigbügelhalter sein“, sagt er. „Nicht mehr, aber auch nicht weniger.“
Berufsschullehrer Jens Köpcke (Text & Foto: Christiane Zwick)