Was Daten verraten - Schüler*innen forschen zu Themen der Pflege

In der Pflege gibt es heute viele Daten. Wer sie versteht, kann die richtigen Entscheidungen treffen. Dafür braucht es Mathematik und etwas Übung.

„30 Schüler*innen haben meinen Fragebogen zwei Mal ausgefüllt“, sagt Selin Bayram stolz. „Und das für meine Forschung!“ Sie ist im dritten Schuljahr an der Evangelischen Berufsschule für Pflege. Hier wird kurz vorm Abschluss im Matheunterricht nicht nur gerechnet, sondern auch Wissenschaft betrieben. Das ist einzigartig an Hamburger Berufsschulen. Das Thema darf sich jede*r selbst aussuchen. Die Facharbeit ist zudem Grundlage für den Erwerb der allgemeinen Fachhochschulreife. In Englisch und Sprache und Kommunikation werden dann noch Klausuren geschrieben - ebenfalls ein Alleinstellungsmerkmal an den Hamburger Pflegeschulen.

Mathe ganz praktisch

Selin Bayram hatte bemerkt, wie oft sich Pausengespräche um das Thema Stress drehen. Also wollte die 24-Jährige herausfinden, wie sich das Erleben von Stress, Schlaf und körperlicher Belastung während der Ausbildung verändert. Alle Befragten hatten sich auf einer Skala von 1 bis 4 einzuordnen. Zwischen „sehr gut“ und „sehr schlecht“. Dann hat die frisch gebackene Forscherin losgerechnet. „Man braucht Mathe, um Mittelwert, Varianz und Differenz herauszufinden.“

Mathematik kann sehr trocken sein. Wie alle Theorie, wenn sie nicht mit Leben gefüllt wird. Die Facharbeiten leisten genau das. Vor 25 Jahren hatte der Mathematiklehrer Detlef Heinsohn die Schulbehörde von seiner Idee überzeugt. Seither forschen Schüler*innen am Rauhen Haus zu selbst ausgesuchten Themen und lernen auf diese Weise Statistik und Stochastik. Also den Umgang mit Daten, die im Pflegealltag reichlich anfallen. Und mit Wahrscheinlichkeiten. 

Zu den Daten gehören Blutdruck und Lungenvolumen, die zeigen, wie sich der Gesundheitszustand eines Menschen über mehrere Monate entwickelt. Aber auch Nutzungsdaten, die verraten, ob die Freizeitaktivitäten einer Einrichtung gut angenommen werden und die Kunden zufrieden sind. „Nur wer misst und rechnet, kann gute Entscheidungen treffen.“, sagt Mathematiklehrer Tom Sutherland, während er einen Stapel Facharbeiten durchgeht. 

Formeln sind relevant

„Impfbereitschaft in der Pflege bei einer neuen Pandemie“ und „Akzeptanz von LGBTQ in der Pflege“ lauten zwei der Titel. Die Relevanz dieser Themen ist offensichtlich. Der Mathelehrer hat gerade die Arbeit von Selin Bayram vor sich liegen. Die Teilnehmenden ihrer Studie mussten ihr Stressniveau, ihre Schlafdauer und ihre körperliche Belastung jeweils im ersten und im dritten Lehrjahr einschätzen. Die forschende Schülerin errechnete eine Steigerung um rund 25 Prozent. „Richtig gerechnet, korrekt angewendete Formeln“, sagt Tom Sutherland und erklärt: „Man kommt leicht an Daten, aber man muss sie auch auswerten können!“

Selin Bayram zeigt das Ergebnis, dass es für die Ausbildung wichtig ist, in der Schule über Stressvermeidung und ausreichenden Schlaf zu sprechen. Sie selbst treibt jetzt Sport, um die körperliche Belastung zu meistern. Und die Mathematik hat einen Platz in ihrem Herzen gefunden: „Statistik ist spannend. Ich kann mir vorstellen, mit Epidemiologie weiterzumachen. Da wird die Verbreitung von Krankheiten berechnet.“ Auch ein relevantes Thema für die Pflege.

 

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