Der Pflegeberuf wird digitaler
Herr Seiler zieht neu ins Heim ein. Er ist unsicher auf den Beinen, etwas kurzatmig und braucht Hilfe bei der Körperpflege. Drei Auszubildende analysieren seinen Fall am Laptop. Sie klicken und tippen sich durch die „Strukturierten Informationssammlung“ (SIS), erfassen Risiken und planen Maßnahmen. Herr Seiler ist kein realer Bewohner, sondern ein Avatar im Dokumentationsprogramm Senso. Die Anforderungen entsprechen jedoch der Praxis.
Her Seiler ist geklont
„Wir bereiten unsere Schülerinnen und Schüler auf die Arbeitswelt vor. Digitale Dokumentation gehört dazu“, sagt Schulleiter Carsten Mai. In den Einrichtungen planen und dokumentieren Pflegekräfte heute auf Tablets. Das verlangt fachliche Sicherheit und eigenständige Entscheidungen. Damit alle in der Schule selbstständig arbeiten können, existiert Herr Seiler mehrfach – als Anton, Bernd oder Igor. Acht Klone pro Klasse. Abschreiben funktioniert also nicht.
Anya Seidelmann, verantwortlich für die digitale Pflegeprozessplanung, entwickelt die realitätsnahen Avatare, mit Biografie und KI-generiertem Foto. Einige leiden unter Diabetes mellitus, andere an COPD. Gemeinsam mit dem Pflegeheim „Haus Weinberg“ hat die Expertin fürs Digitale eine Lernumgebung mit vier Wohnbereichen eingerichtet, selbstverständlich datengeschützt.
Klick für Klick sicherer
Bevor die Auszubildenden an den schuleigenen Laptops digital dokumentieren, lernen sie den Pflegeprozess analog. Über drei Jahre trainieren sie die vier Schritte: informieren, planen, durchführen, evaluieren. Die SIS hilft ihnen, systematisch zu denken, Senso gibt die Fälle vor und Fellofish bietet Übungsraum. Damit niemand an der Menü-Oberfläche scheitert, hat Anya Seidelmann kurze Erklärvideos produziert. Drei bis sechs Minuten, klar und kompakt: So legen Sie eine SIS an. So planen Sie Maßnahmen. Bei einem Fehler meldet sich ein KI-gestützter Tutor. Und zwar sofort! Das beschleunigt das Lernen und macht sogar Spaß.
Mit zunehmender Ausbildung steigen die Anforderungen. Ein Höhepunkt ist die Simulationsübung, bei der die Azubis mit von Schauspieler*innen dargestellten Patient*innen ein realistisches Aufnahmegespräch führen. Sie erkennen Risiken, zum Beispiel Sturzgefahr oder Atemnot, und führen Screenings oder Assessments durch. Bewertet wird anhand einer Erwartungsmatrix. Es gibt keine Note, sondern eine genaue Auswertung.
Im Verlauf der Ausbildung erstellen die Schüler*innen bis zu 20 digitale Pflegeberichte. Nach dem Abschluss bleiben die Avatare im System und helfen dem neuen Jahrgang, den Pflegeprozess zu verstehen. Herr Seiler wird noch viele Klassen auf Trab halten.
Anya Seidelmann plant die digitalen Pflegeprozesse. (Foto & Text: Christiane Zwick)